Stadtrandnächte

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Lars starrt auf die hässliche gelbe Tapete im Flur. Er hasst dieses Muster, hasst diesen Flur, hasst dieses verdammte Haus am Stadtrand. Er ist 28, Grafikdesigner, und eigentlich sollte er jetzt in London sein. Stattdessen steht er hier, in diesem engen, miefigen Korridor, und wartet auf den Pflegedienst. Widerwillig. Wie alles, was er in den letzten Wochen getan hat.

Die Haustür geht auf. Ein Schwall kalter Abendluft. Und dann steht Dameon da. Dameon, mit seinem offenen Lächeln und den Augen, die immer schon zu viel gesehen haben. Lars’ Magen macht einen Satz. Dameon. Scheiße. Dameon.

"Na, Lars?", sagt Dameon, während er seine Jacke an die Garderobe hängt. Seine Stimme ist tiefer als früher, rauchiger. "Lange her."

Lars nickt stumm. Er mustert Dameon, der sich über den Rollstuhl beugt und Lars' Vater begrüßt. Dameon trägt einen dunkelblauen Kittel. Krankenpfleger. Natürlich. Dameon war schon immer derjenige, der die Kacke ausbaden musste. Jetzt auch noch die von Lars' Vater.

"Und, wie geht's uns heute?", fragt Dameon, während er den Rollstuhl in die Küche schiebt. Lars folgt ihnen. Die Geräusche – das Klappern des Löffels gegen den Teller, das leise Stöhnen seines Vaters – vermischen sich zu einem unangenehmen Brei.

Lars beobachtet, wie Dameon arbeitet. Seine Hände sind sanft, aber bestimmt. Professionell. Lars denkt an früher, an ihre Hände, die sich im Dunkeln berührten. Verdammt, nein. Das ist jetzt nicht der Moment.

"Kann ich dir helfen?", fragt Lars, als Dameon Anstalten macht, den Tisch abzuräumen.

Dameon schüttelt den Kopf. "Das ist mein Job, Lars." Sein Blick ist fest, aber nicht unfreundlich. Berufsethik. Natürlich.

Die Stunden vergehen. Dameon arbeitet schweigend, effizient. Lars hockt auf einem Stuhl in der Ecke, fühlt sich nutzlos und fehl am Platz. Er beobachtet Dameon, wie er den Infusionsschlauch wechselt, wie er Lars' Vater wäscht, wie er leise mit ihm spricht. Es ist intim, auf eine Weise, die Lars nicht ertragen kann.

Irgendwann, als sein Vater schließlich schläft, steht Lars auf. "Ich brauch frische Luft", murmelt er.

Dameon nickt. "Ich komme mit." Keine Frage, eine Feststellung.

Draußen ist es kalt. Die Straßenlaterne vor dem Haus summt leise. Ihr Licht malt helle Kreise auf den Asphalt. Lars atmet tief durch. Berlin. Immer noch da. Immer noch gleich.

Dameon tritt neben ihn. Sie stehen schweigend da, Schulter an Schulter. Die Laterne wirft ihre Schatten auf den Boden. Lange Schatten.

Dann dreht Dameon sich zu ihm. Sein Gesicht ist ernst. "Es ist scheiße gelaufen damals", sagt er leise.

Lars nickt. Er erinnert sich. An den Streit, an die Worte, die er nicht zurücknehmen kann. An Bens Blick, als er ging.

Dameon tritt noch näher. Seine Hand liegt plötzlich auf Lars' Arm. Warm. Fest. "Ich hab dich vermisst", flüstert er.

Lars’ Herz hämmert. Sein Mund ist trocken. Die Laterne summt. Die Nacht ist still.

Dann beugt Dameon sich vor. Seine Lippen sind weich, zart. Ein Kuss. Kurz, aber unmissverständlich. Als Dameon sich zurückzieht, sieht Lars die Sehnsucht in seinen Augen.

"Scheiße", murmelt Lars.

Dameon grinst schief. "Ja. Scheiße." Dann wird er wieder ernst. "Aber wir müssen vorsichtig sein. Dein Vater..."

Lars nickt. Er weiß. Familienverpflichtungen. Berufsethik. Alles steht im Weg. Trotzdem. Dieser Kuss. Verdammt.

Die Laterne summt leise. Irgendwo bellt ein Hund. Berlin atmet. Und Lars steht da, neben Dameon, und weiß, dass alles anders wird.

Die Tage werden zu Wochen, zu Monaten. Die Nächte werden zu Inseln, auf denen Lars und Dameon sich treffen, wo die Welt draußen nicht existiert. Bens Wohnung ist klein, eng, erfüllt vom Geruch von Zigarettenrauch und einem billigen Aftershave, das Dameon manchmal benutzt. Aber es ist ihr Ort.

Die ersten Male sind unbeholfen, fast schüchtern. Hände, die zittern, Lippen, die sich suchen, dann finden. Bens Hände sind rau, von der Arbeit, aber zärtlich, wenn sie über Lars' Haut gleiten. Lars schließt die Augen, versucht, nicht an seinen Vater zu denken, an die Schuld, die auf ihm lastet.

Dann wird es intensiver. Leidenschaftlicher. Dameon drängt Lars gegen die Wand, küsst ihn, als wäre es das letzte Mal. Seine Zunge ist fordernd, seine Hände überall. Lars stöhnt, presst sich gegen Dameon, spürt dessen Erektion durch den Stoff der Hose. "Scheiße, Dameon", keucht er, als Bens Mund an seinem Hals abwärts wandert, küsst, saugt, beißt.

"Ja", murmelt Dameon, seine Stimme rau vor Erregung. "Genau so." Seine Hände sind an Lars' Gürtel, öffnen ihn, schieben die Hose hinunter. Lars’ Schwanz springt heraus, hart und pulsierend. Dameon sinkt auf die Knie, nimmt Lars tief in den Mund, saugt und leckt, bis Lars sich keuchend an der Wand festkrallt, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen. "Dameon, ich...", stöhnt er, aber Dameon lässt nicht nach, saugt fester, schneller, bis Lars mit einem erstickten Schrei kommt, zuckend und zitternd.

Später liegen sie auf Bens schmalem Bett, ineinander verschlungen. Lars’ Kopf ruht an Bens Brust, lauscht dessen Herzschlag. "Ich will das nicht verlieren", murmelt er.

Dameon streicht durch Lars' Haare. "Ich auch nicht", sagt er leise. "Aber wir müssen vorsichtig sein. Dein Vater..."

Lars nickt. Er weiß. Er hat es in den Augen seines Vaters gesehen, diesen wissenden Blick, wenn Dameon auftaucht, ein bisschen zu früh, ein bisschen zu oft. Er hat die unausgesprochenen Fragen gespürt, das Schweigen, das plötzlich zwischen ihnen steht.

Eines Abends, als Dameon wieder einmal "zufällig" vorbeikommt, nachdem sein Dienst längst zu Ende ist, bleibt Lars' Vater im Türrahmen stehen. Er sieht Lars an, dann Dameon, und in seinem Blick liegt etwas, das Lars nicht einordnen kann. Trauer? Verständnis? Oder nur Resignation?

"Geht nur", sagt er schließlich, seine Stimme heiser, aber nicht unfreundlich. "Ich komme schon zurecht."

Lars zögert, aber Dameon nickt ihm zu. "Geh schon", murmelt er. "Ich bleib noch ein bisschen."

Draußen, unter der Laterne, die immer noch summt, hält Lars inne. Er sieht zu Bens Wohnung hinüber, zu dem Fenster, hinter dem Dameon auf ihn wartet. Er denkt an seinen Vater, an die Schuld, an die Verpflichtung. Und er denkt an Dameon, an seine Hände, an seinen Geruch, an den Geschmack seiner Lippen.

Die Entscheidung fällt ihm nicht leicht. Aber als er die Haustür aufschließt, Bens Tür aufdrückt, weiß er, dass er sie schon längst getroffen hat.

Dameon liegt auf dem Bett, die Decke um die Hüften geschlungen. Sein Oberkörper ist nackt, sein Haar zerzaust. Er lächelt, als Lars hereinkommt.

Lars kickt die Tür zu, lässt seine Jacke fallen. Er kriecht zu Dameon ins Bett, zieht ihn in seine Arme. Dameon seufzt leise, schmiegt sich an ihn. Seine Haut ist warm, weich.

Durchs Fenster fällt das Licht der Laterne, malt Muster auf die Wand. Die gleiche Laterne, die gleichen Schatten. Berlin atmet, und Lars hält Dameon fest, so fest er kann.

Zuhause.